Alpenglühen von Peter Turrini - Schauspielhaus Zürich
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Alpenglühen

von Peter Turrini

Premiere am Donnerstag, 19. März 2009
Schauspielhaus Zürich

Ein alter blinder Mann lebt seit Jahrzehnten in völliger Abgeschiedenheit hoch oben in den Bergen. Nur ein schweigsamer Junge leistet ihm Gesellschaft und versorgt ihn mit dem Nötigsten. Der Alte wünscht sich nichts sehnlicher als eine Frau. Eines Tages schickt ihm der Blindenverein die fünfzig-jährige Jasmine hinauf. Der Blinde und Jasmine beginnen auf eine besondere Art und Weise einander kennen zu lernen. Je nach Situation erfinden sie unterschiedliche Biografien und Rollen und bringen so dem Gegenüber die eigenen Sehnsüchte, Träume und Wünsche nahe. Doch hinter den jeweiligen Masken werden für kurze Momente immer wieder die persönlichen Abgründe und die existentiellen Nöte der beiden sichtbar.

Und am Ende erspielen sie sogar ihre eigene Welt, in der sich unter dem Deckmantel von «Romeo und Julia» ihre wirkliche Liebe offenbart.

Der österreichische Schriftsteller Peter Turrini (geboren 1944) liebt es, in seinen Theaterstücken («Rozznjogd», «Sauschlachten» u.v.a.) provokante Themen mit heimatlichen Motiven aufzuladen. Neben seinen Stücken schreibt er auch Gedichte und Essays. Turrinis Werke wurden in über dreissig Sprachen übersetzt, seine Stücke werden weltweit gespielt.

Gottfried Breitfuss (Der Blinde), Karin Pfammatter (Jasmine)

Besetzung:

Der Blinde
Gottfried Breitfuss

Der Junge
Raphael Nicholas

Jasmine
Karin Pfammatter

Fremdenführer
Michael Ransburg

Regie: Alexander Wiegold
Bühne: Marlene Baldauf
Kostüme: Verena Lachenmeier
Video: Alexander Wiegold
Licht: Adrian Fry
Dramaturgie: Nina-Maria Schmidt


„Wir lügen alle!“

So lautet die Prämisse von Peter Turrinis schlauer Groteske, die in der vermeintlichen Idylle der Bergwelt ein doppelbödiges Verwirrspiel um die Frage nach der Wahrheit inszeniert.

„Man muss Unwirklichkeiten erfinden, um dem Wirklichen nahe zu kommen.“ Diesen Satz des Autors könnte man dem Stück als Motto voranstellen. Regie und Dramaturgie (Alexander Wiegold und Nina-Maria Schmidt) folgen denn auch dieser Idee in dem hochalpinen Verwirrspiel, das „Alpenglühen“ ist. (…)

Doch, wie schon Motto und Bühnenbild (Marlene Baldauf) es andeuten: Es ist nichts wie es scheint. Die Kulisse der rustikalen Berghütte steht auf einem Mini-Gebirge kleiner, weisser Bergspitzen, deren Zwischenräume mit Sand aufgefüllt sind. So sind geschickt das eigentliche Setting und die Erinnerung des Blinden überblendet, und beides beginnt surreal zu wirken. Auch der stets offen sichtbare Schnürboden erinnert den Zuschauer konstant an Fiktionalität und Bühnenillusion. (…) Der Zuschauer wird in seinen Erwartungen auf kalkulierte Weise verschaukelt und ist auch im weiteren Verlauf des Stücks immer wieder gezwungen, sein Bild der Akteure zu revidieren. So wird die Alphütte, die mit einem Vorhang in Richtung des Zuschauerraums versehen ist, zur Bühne auf der Bühne, und es zeigt sich: die Schauspieler spielen Komödie, ein Stück im Stück.

Diese Fiktionen zeigen sich als ihre Methode, sich eine eigene, lebbare Welt zusammenzuschustern und darin ungeachtet der tatsächlichen glücklich zu werden. Dass diese Message nicht zum theatralischen Pathos gerinnt, dafür sorgen die Inszenierung, die mit dem Vorgeführten immer wieder ironisch bricht, und das nuancierte Spiel der Akteure. Ihnen schaut man gerne zu; Karin Pfammatter und Gottlieb Breitfuss sind dem andauernden Rollenwechsel mehr als gewachsen und verhelfen diesem originellen und dezidiert realitätskritischen Stück zu einem bleibenden Eindruck.
von Jan Rothenberger (students.ch)

Ist die Welt schon trügerischer Schein, gefällt sie doch im Theater.

Bühnenbildnerin Marlene Baldauf nutzt Enge und Budgetzwang virtuos. Über weissen Mini-Gipfeln aus Styropor hat sie einen rohen Brettersteg gebaut, der an Alphütte und Wanderbühne erinnert. Und daneben flimmern Schneeberge und Nebelschwaden als Video über eine Seitenwand. Das Kleinformat passt zu Turrinis Stück. Keinen Szenenbogen stemmt der Autor hier mehr, sondern stellt komisch und auch geschwätzig seine Verunsicherung aus. Der greise Blinde, dem der Blindenverband statt der gewünschten jungen Frau eine mittelalterliche Dame auf die einsame Alm schickt, ist vielleicht gar nicht blind. Und auch kein Ex-Journalist, sondern ein terroristischer Alt- Nazi. Oder ein ehemaliger Theaterdirektor. Und genauso schillert die Frau. Hure, aber auch Sekretärin des Blindenverbands will sie sein und eine Schauspielerin noch dazu.

Beengt ist das Spiel auf der Bühne 5, doch das Vergnügen des Publikums, stimmt die Erinnerung, kaum viel kleiner als bei der Wiener Uraufführung. Jungregisseur Alexander Wiegold inszeniert zum Glück weniger den Moralisten, als das Theatertier Turrini. Die Schauspieler dürfen sich reinknien. Gottfried Breitfuss überzeugt als tapsiger Vorzeigebergler mit Hang zur Weltliteratur. Karin Pfammatter glänzt mit Wandlungsfähigkeit. Koboldhaft wechselt sie die Rollen, von der unzimperlichen Dirne mit falscher Lockenpracht und glänzendem Pantherdessous zur verblühten Bürolistin im grünen Acryljäcklein. Und ihre verhinderte Schauspielerin, die immer nur die verliebte Julia spielen mochte, greift gar ans Herz. Ist die Welt schon trügerischer Schein, gefällt sie doch im Theater.
Peter Müller (Tagesspiegel)

Poetisches Spiel von Sein und Schein

Lügen als Überlebensstrategie: Jungregisseur Alexander Wiegold bietet auf der Bühne 5 im Pfauen mit Peter Turrinis Alpenglühen ein sowohl ernsthaftes wie auch kurzweiliges Vergnügen. (…) Bühnenbildnerin Marlene Baldauf jedenfalls erweckt die vollkommene Illusion. Auf dem Boden türmen sich mit Sand übersäte, bizarre Berge. Darüber schwebt als Hütte eine urchige Holzkonstruktion. Die Sonne wandert. der Regen schüttet, und auf die kahle Seitenwand wird erhabene und majestätische Bergwelt projiziert.

Alexander Wiegold zeigt ein kurzweiliges Wechselspiel zweier vereinsamter Menschen, die sich gegenseitig ein verzweifeltes Versteckspiel liefern. Alles ist Verstellung, hinter der sich unerfüllte Sehnsüchte und Träume verbergen. Niemand weiss zum Schluss, was davon stimmt. Das „AIpenglühen“ wird zum poetischen Spiel von Sein und Schein. Die Schauspieler kommen mil der kleinen Spielfläche ausgezeichnet zurecht. Alle bringen ihren Part mit Bravour: Gottfried Breitfuss zeigt einen cholerischen, wild gestikulierenden Blinden, der sich gelegentlich aggressiv gegen den Bauernbub austobt und das unbekannte Weib einmal nur, glücklich in die Arme schliesst. Karin Pfammatter spielt die vom Dasein enttäuschte Jasmine mit ansteckender Lebenskraft. Raphael Nicholas gibt einen stimmigen Stereotyp des einfaltigen Bauernbuben. Am Premierenabend gab es denn auch viel Beifall für Ensemble und Regisseur.
Linus Baur (Zürichsee-Zeitung)