Der Herzerlfresser - Alexander Wiegold
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Der Herzerlfresser

von Ferdinand Schmalz

Fotos: © Marcella Ruiz Cruz

Premiere 08. Oktober 2016
Akademietheater Wien

Der Gangsterer Andi entdeckt im Sumpf eine weibliche Leiche. Das Herz ist ihr herausgerissen. Der Sumpf ist aber gar nicht mehr so sumpfig, wie er früher einmal war. Alles ist frisch zubetoniert.
Ein Einkaufsparadies ist auf ihm entstanden, an einem verkehrsgünstigen, zukunftsorientierten Standort in der Region mit Arbeitsplätzen, Wachstumsperspektiven. Die Eröffnung steht bevor. Da kommt so eine Frauenleiche reichlich ungelegen. Und dann wird noch eine zweite Dame ohne Herz gefunden. Heimlich im Moor entsorgen, so heißt die Krisenstrategie des Bürgermeisters, der den Gangsterer Andi mit der Leichenbeseitigung beauftragt. Und während das Eröffnungsfest zum Kaufrausch lädt, dringt der Sumpf durch alle Ritzen. Beim Tanz zur munteren Musik schlagen die einen Herzen höher und die anderen gar nicht mehr. Ein Schuss und Schluss.

Im herzerlfresser erinnert Ferdinand Schmalz an eine grausame Mordserie aus dem steirischen Mürztal vor fast 250 Jahren. Der Legende nach war der Knecht und Kartenspieler Paul Reininger von dem Wahn besessen, sieben noch warme Mädchenherzen verschlingen zu müssen. Ferdinand Schmalz holt diese düstere Überlieferung in eine heutige Kleinstadt und überprüft an ihr die Liebe in Zeiten des Neoliberalismus.

Nach am beispiel der butter und dosenfleisch ist der herzerlfresser das dritte Stück des Grazer Autors am Burgtheater. Ferdinand Schmalz gewann 2012 den Retzhofer Dramapreis und wurde 2014 von „Theater heute“ zum Nachwuchsautor des Jahres gewählt.

gangsterer andi
Merlin Sandmeyer

acker rudi
Johann Adam Oest

fauna florentina
Irina Sulaver

pfeil herbert
Sebastian Wendelin

fußpflege irene
Peter Knaack

und
Marlene Grois
Philine Hofmann
Esther Leoni
Daria Lik
Ylva-Maj Rohsmann
Franziska Stadler

Regie
Alexander Wiegold

Bühne
Katrin Brack

Kostüme
Lane Schäfer

Musik
Hannes Gwisdek

Chorarrangement
Bernhard Moshammer

Choreographie
Daniela Mühlbauer

Licht
Michael Hofer

Dramaturgie
Klaus Missbach

Pressestimmen

Regisseur Alexander Wiegold setzte das sprachmelodische Kunstwerk mit seinen freien Versen dezent und schwungvoll in eineinhalb pausenlosen Stunden um. Seine Wirkung: Kannibalismus kann auch lustig sein, das Absurde, die Kalauer in vielen Szenen machen es erträglich, dass hier eine allertraurigste Geschichte über unsere moderne Lebensweise dramatisiert wurde. Die Kannibalen sind unter uns, nur eben nicht als rohe Knechte. (Die Presse)

Alexander Wiegolds Inszenierung bewegt sich erzählerisch zwischen Krimi, Provinzposse und Melodram und setzt doch auf ein abstraktes Bühnenbild aus der Hand von Katrin Brack. Dicke Glitzerfäden hängen von der Decke, wie es für sie typisch ist. Mal wird Grillenzirpen eingespielt, dann dudelt Alleinunterhalter-Synthesizer-Klang der traurigen Art. Der Ton des Abends driftet immer mehr ins Melancholische ab. Das ist schon ziemlich überraschend an Wiegolds Inszenierung, und: Es funktioniert überraschend gut.

Der Galgenhumor arbeitet dem Melodram zu, adelt hier keine Horror-Komödie wie etwa bei der Aufführung am Deutschen Theater Berlin vor anderthalb Jahren. Sondern zeigt Herz-Schmerz-Geplagte, deren Stimmung zur Eröffnungsparty des Einkaufszentrums auf den Tiefpunkt sinkt. Die Handlung spielt in der Inszenierung bald kaum noch eine Rolle. Das wortreich beschriebene Leiden der Herzen umso mehr. Und was als Komödie begann, wird am Ende berührend, wenn der serienmordende Herzerlfresser die Enge der Herzen beschreibt, die noch engere Sprache, das innere Wüten. Es ist ein Menschheitsdrama, und dieser Abend trotz seiner glitzernden Künstlichkeit: ein Volltreffer mitten ins Herz.

(Nachtkritik)

Spannend, unterhaltsam ist der Abend allemal. Was etwa wird sich abspielen zwischen dem Bürgermeister und der sehr männlich wirkenden „fußpflege irene“ (Peter Knaack), die im Ort aufgetaucht ist, nachdem vor einiger Zeit ein junger Mann namens René verschwand. Wie wird sich die Freundschaft zwischen Florentina und Andi entwickeln? Wer wird noch sterben? Und was bedeutet der „pfeil herbert“ (Sebastian Wendelin), der den Charme eines Bürokraten verströmt, ehe er zu einem ungeheuren Monolog ansetzt. Mordgeschichten soll man nicht verraten. Also nur so viel: Es zahlt sich aus, dieses Kammerspiel zu sehen, in dem ein jeder der Darsteller auf seine eigene Art glänzen kann. (Die Presse)

Peter Knaack ist als Irene eine Wucht, komisch und tragisch zugleich. Irina Sulaver ist als Dorf-Außenseiterin Irene herrlich merkwürdig, Johann Adam Oest ist ein von unterdrückten Sehnsüchten gebeutelter Bürgermeister. Sehr stark auch Merlin Sandmeyer als ehrgeiziger, verliebter Wachmann und Sebastian Wendelin als unheimlicher … ja, das dürfen wir hier nicht verraten, sonst schlachten wir die Pointe. (Kurier)

Regisseur Wiegold verortet den in Leipzig uraufgeführten „herzerlfresser“ in Wien in einem blauen Glitzerwald (Bühne: Katrin Brack) und setzt auf Reduktion, um das filigrane Textgebäude nicht zum Einsturz zu bringen. (…) Soviel sei verraten: Die Medien erfahren nichts, das Zentrum wird eröffnet und unter den Gästen findet sich der verschrobene Pfeil Herbert (Sebastian Wendelin), der das unvollendete Werk des historischen „herzerlfressers“ zu beenden trachtet. Ob die Bevölkerung, die schon das Einkaufszentrum nicht verhindern konnte, den nächsten Mord aufhalten kann? Man erfährt es am Ende dieser kurzweiligen, hoch konzentrierten 90 Minuten. Lang anhaltender Jubel beim Publikum. (Tiroler Tageszeitung)