Im Hobbykeller der Ordnung
17310
post-template-default,single,single-post,postid-17310,single-format-standard,bridge-core-1.0.5,ajax_updown_fade,page_not_loaded,,qode-title-hidden,qode-theme-ver-19.3,qode-theme-bridge,disabled_footer_top,wpb-js-composer js-comp-ver-6.0.2,vc_responsive

Im Hobbykeller der Ordnung

„Ein leiser, berührender, komischer und ungemein fieser Abend voller alles andere als leicht verdaulicher Wahrheiten.“

Eine schöne Kritik zum Gastspiel von „Am Beispiel der Butter“ bei den Autorentheatertagen am DT Berlin auf der Seite „Stage and Screen“:

„Alexander Wiegold packt die Geschichte in seiner Wiener Inszenierung in eine antiseptische Umgebung aus weißen Kacheln und transparenten Plastikvorhängen, ein Ordnungsproduktionsbetrieb, der alle Nebenschauplätze gleich mit einbezieht. Die Regel duldet keine Ausnahme, das Ordnungsprinzip bestimmt alles oder es ist wirkungslos. Was nicht vorgesehen ist, etwa das Verteilen des Joghurts, ist Bedrohung und auszumerzen. Die Wände bleiben weiß. Darin agiert ein exzellentes Ensemble: Peter Knack ist ein trotzig mürrischer Adi, der doch so zart zu träumen vermag, Marcus Kiepe ein sachlich reflektierter Gewaltpropagandist, Michael Masula ein charismatischer, freundlich diktatorischer Chef, Catrin Striebeck ein allglattes Klatschweib mit enormem Strategietalent. Wenn jemand sogar noch herausragt, ist es Jasna Fritzi Bauer als Adis junge Mitstreiterin Karina: Wie sie den alten Knochen wortlos zum Schmelzen bringt, wie sie kaum von dieser Welt gleichsam über der Szene schwebt, wie ihre Stimme Möglichkeitsräume und Traumoptionen eröffnet, die viel bedrohlicher sind als Adis kleines Rebelliönchen, ist atemberaubend und überaus – bei aller Komik – berührend.

Peter Knaack (Adi), Jasna Fritzi Bauer (Karina)

Peter Knaack (Adi), Jasna Fritzi Bauer (Karina)

Alexander Wiegold und sein Ensemble machen nicht den Fehler zu übertreiben. Die Figurenzeichnung ist pointiert, aber nie farcenhaft verzerrt. Hinter den Masken und Rollen starren uns lebendige Menschen an, die erschreckend, ja, normal erscheinen. Märchen und Realismus bilden eine Einheit, wie es auf der Textebene Realismus und Künstlichkeit, Prosa und Peste tun. Jedes Wort distanziert sich von sich selbst und ermöglicht Reflexiosräume, die Wiegold bewusst nicht zukleistert. Im Gegenteil: Seine Inszenierung ist zurückgenommen, setzt auf Zwischentöne, auf kleine, zuweilen kaum merkliche Gesten, auf Blicke und Pausen. Wo sich im Text die Wahrheit irgendwo zwischen Artifizialität und nüchterner Klarheit verbirgt, tut sie es in der Inszenierung zwischenrealistischer Vignette und subtil absurder Überhöhung. Dabei erinnern Claudia Vallants Bühne und der vernünftig harmlose Tonfall sicher nicht zufällig an einschlägige Horrorfilm-Settings, bilden Sauberkeit und Ordnung sowie erbarmungslose Macht und Gewalt eine ganz und gar harmonische Einheit. Ein leiser, berührender, komischer und ungemein fieser Abend voller alles andere als leicht verdaulicher Wahrheiten.“ (von Sascha Krieger)

Merken